Grußwort Juni

Jahreslosung 2024: 1. Korinther 16,14
Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.
 
Monatsspruch Juni: 2. Mose 14,13
Mose sagte: Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der Herr euch heute rettet.

 
 
Liebe Leserin, lieber Leser,

»sapere aude!« »trau' dich, selbst zu denken!«, dieser Wahlspruch der europäischen Aufklärung stammt vom berühmten Königsberger Philosophen Immanuel Kant. Dieses Jahr feiern wir seinen 300. Geburtstag.
Lange haben sich die Kirchen schwer getan mit der Aufklärung. Heute aber würde bei uns wohl kaum noch jemand die Meinung vertreten, dass Glauben und Denken unvereinbar seien - im Gegenteil! Das Nachdenken - das gemeinsame Nachdenken besonders - hilft uns, im Glauben zu wachsen, erwachsen und mündig zu werden im Vertrauen auf Gottes Verheißungen. Ähnlich ist es mit unserem demokratischen Gemeinwesen. Zwar lässt es sich wohl schwerlich direkt aus der Bibel ableiten, seine grundsätzlichen Werte aber, wie die bedingungslose Würde jedes Menschen oder auch das Recht, für seine Meinung nicht rundweg verurteilt zu werden, die fnden sich dort. Für beide - Demokratie und Aufklärung - ist es unabdingbar, im freien Diskurs Argumente auszutauschen. Wie anders sollten sonst vernünftig begründbare Entscheidungen gefällt, Kompromisse gefunden werden?
Leider steht es nicht gut um die freie Debatte in unserer Gesellschaft. Schnell ist das Gegenüber mit der moralischen Keule als zweifelhaft gebrandmarkt, während man sich selber zum leuchtenden Vorbild proklamiert. Ob in der Auseinandersetzung über verhältnismäßige Corona-Maßnahmen, über Waffen für die Ukraine oder das angemessene Verhalten im Israel-Palästina-Konflikt - schnell gibt es eine »richtige« und eine »falsche« Seite. Wer nicht auf der »richtigen« Seite steht, ist dann wahlweise Verschwörungstheoretiker, Putin-Versteher, Lumpen-Pazifist oder überhaupt einfach »rechts«...
Das ist schlimm, denn damit haben die leichtes Spiel, die wirklich denken, dass nicht alle Menschen grundsätzlich die gleichen Rechte haben sollten, die am Blut festmachen wollen, wer hier überhaupt leben darf, und die für ihre Gegner nichts als Verachtung und Hass übrig haben. Allesamt Einstellungen, die wohl schwerlich mit christlichem Glauben vereinbar sind.
Der demokratische Wettkampf der Argumente ist mühsam und langwierig. Und: Kompromisse sind nicht faul, man könnte sie sogar als Ausdruck des höchsten Gebotes sehen, das uns gegeben ist: »Liebe Gott, und liebe deinen Nächsten, wie dich selbst«.
Der Monatsspruch für den Juli, »Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn sie im Unrecht ist<, stammt aus dem Gesetzbuch des Volkes Israel. Er erinnert mich an die Wurzeln unserer Kultur und weist auf ein Problem hin: Der Diskurs, die Debatte ist leider nur in der Theorie wirklich frei und gleich. Oft liegt die Macht (und damit die Deutungshoheit) doch auf einer Seite und setzt sich durch, ohne eigentlich die besseren Argumente zu haben. Für diesen Fall - und das hat auch Kant so gesehen - ist es das eigene Gewissen, welches Gott und seine Wahrheit im Blick hat, das mir signalisiert, woran ich mich nun zu halten habe. Der Monatsspruch weist uns darauf hin, dass es nicht genügt, einer Mehrheitsmeinung hinterherzulaufen, wir müssen uns schon trauen, selbst zu denken und uns ein eigenes Urteil zu bilden, was Recht ist und was Unrecht. Möge uns Gott dabei beistehen!

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen und ein gutes Gewissen bei Ihren Wahlentscheidungen,

herzlich,
Ihr Pfarrer Sebastian Schade